Jedes Jahr am 9. September wird in Japan das letzte der fünf traditionellen Jahreszeitenfeste gefeiert: Chōyō no Sekku (重陽の節句), auch bekannt als Chrysanthemenfest. Im Vergleich zu den kunstvoll aufgestellten Puppen des Hinamatsuri oder den mit Wünschen geschmückten Bambuszweigen des Tanabata ist Chōyō no Sekku eher still und zurückhaltend. Im Mittelpunkt steht eine einzige Blume und eine alte Vorstellung von Ausgleich und Harmonie. Vielleicht liegt gerade darin seine besondere Bedeutung.
Warum die Zahl Neun?
Um Chōyō no Sekku zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf eine alte Zahlenlehre, die ursprünglich aus China nach Japan gelangte. Ungerade Zahlen galten dabei als Yang – aktiv, lebendig und glückverheißend. Die Neun, als höchste einstellige ungerade Zahl, wurde als besonders kraftvoll angesehen. Der 9. September, also der neunte Tag des neunten Monats, vereint diese Energie gleich doppelt. Nach damaliger Vorstellung konnte ein solches Übermaß an Yang jedoch auch aus dem Gleichgewicht geraten.
Hier kam die Chrysantheme ins Spiel.
Da sie gerade zu Beginn des Herbstes blüht, schrieb man ihr die Kraft zu, diese überschüssige Energie auszugleichen und ein langes Leben zu fördern. Man ließ Chrysanthemenblüten auf Sake treiben und trank ihn als Wunsch für Gesundheit und Langlebigkeit. Eine weitere Tradition war kiku no wata (菊の綿) – Chrysanthemenwatte. Baumwolle wurde über Nacht auf die Blüten gelegt, damit sie den Morgentau aufnehmen konnte. Am nächsten Tag wischte man damit über die Haut, in der Hoffnung, Jugend und Gesundheit zu bewahren. Auch in Hauseingängen und Tokonoma wurden Chrysanthemen aufgestellt – nicht nur als Dekoration, sondern auch als Schutzsymbol gegen Krankheit und Unglück.
Von den fünf traditionellen Sekku ist Chōyō heute wahrscheinlich das am wenigsten bekannte. Selbst in Japan gibt es viele Menschen, die diesen Tag nie bewusst gefeiert haben. Doch vielleicht ist gerade diese stille Präsenz ein Grund, sich wieder an ihn zu erinnern. Nicht jede Tradition muss groß oder auffällig sein, um Bedeutung zu haben.

Eine Blume, von Hand geformt
Zu dieser Jahreszeit findet man die Chrysantheme auch häufig in Wagashi, den traditionellen japanischen Süßigkeiten, die zum Tee gereicht werden. Aus Nerikiri, einer weichen Masse aus weißer Bohnenpaste und Reismehl, entstehen durch geschickte Hände feine Chrysanthemenblüten. Schicht für Schicht wird die Form aufgebaut, bis die einzelnen Blütenblätter fast so wirken, als könnten sie sich im Wind bewegen.
Dabei gibt es keine wirkliche Abkürzung. Jedes Blütenblatt wird einzeln gedrückt, geformt und angepasst. Wer zu schnell arbeitet, merkt es sofort – Nerikiri verlangt Geduld. Eine Chrysantheme Stück für Stück entstehen zu lassen, kann deshalb beinahe meditativ wirken. Manche Dinge werden gerade deshalb schön, weil man ihnen Zeit gibt. Vielleicht passt es deshalb so gut, dass ausgerechnet die Chrysantheme – ein Symbol für Langlebigkeit und Fürsorge – im Mittelpunkt eines Festes steht, das uns daran erinnert, den Lauf der Zeit bewusster wahrzunehmen.
Wo Wagashi und Tee zusammenkommen
Wagashi wurden nie dafür gedacht, ganz für sich allein gegessen zu werden. Sie stehen in Verbindung mit Tee – besonders mit dem leicht bitteren Matcha, wie er in der japanischen Teezeremonie, dem Chanoyu, gereicht wird. Die Süße des Wagashi und die herbe Note des Matcha ergänzen und balancieren einander. Ganz ähnlich schafft auch die Teezeremonie einen Gegenpol zur Hektik des Alltags. Für einen Moment geht es nur darum, zu sitzen, zuzusehen, das Gereichte anzunehmen und wirklich da zu sein.
Jede Bewegung des Gastgebers – das Falten des Tuchs, das Drehen der Teeschale, das Platzieren der Süßigkeit vor dem Tee – wurde über viele Generationen verfeinert. Nicht, um etwas möglichst schnell zu erledigen, sondern um die Aufmerksamkeit sanft im gegenwärtigen Moment zu halten. Darin steckt dieselbe Idee, die auch Chōyō no Sekku prägt: Schönheit und Wohlbefinden entstehen oft dann, wenn wir Dingen die Zeit geben, die sie tatsächlich brauchen.

Ein Stück davon mit nach Hause nehmen
Man braucht keinen bestimmten Kalendertag, um dieses Gefühl zu erleben. Bei einem Wagashi-Workshop nimmt man Nerikiri selbst in die Hände und erfährt ganz unmittelbar, warum Geduld ein so wichtiger Teil dieses Handwerks ist. Bei einer Teezeremonie verlangsamt sich ein Nachmittag plötzlich auf den Rhythmus einer Teeschale, die mit beiden Händen gehalten und gedreht wird. Zusammen schenken diese beiden Erfahrungen etwas, das in unserem Alltag immer seltener wird:
die Erlaubnis, für eine Weile nur eine einzige Sache zu tun – ohne Eile.
If Choyo no Sekku has a lesson for those of us outside Japan, it might be this — that marking the passage of time doesn’t require grand gestures. Wenn Chōyō no Sekku uns außerhalb Japans etwas mitgeben kann, dann vielleicht dies:
Den Lauf der Jahreszeiten und der Zeit bewusst wahrzunehmen, braucht keine großen Gesten.
Manchmal reicht eine einzelne Blume, von Hand geformt und gemeinsam mit einer Schale Tee genossen.
Möchtest du selbst erleben, wie sich das anfühlt? Dann besuche eine unserer nächsten Teezeremonien oder einen Wagashi-Workshop und verbringe einen Nachmittag mit etwas, das dieses Fest seit Jahrhunderten in sich trägt: bewusst langsamer werden.

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